Predigt Pfingstfest

Hier finden Sie die Predigt für das Pfingstfest 2020. Allen gesegnete Pfingsten!

Predigttext aus Apg 2

Das Pfingstwunder

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? 8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, 11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein. 14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; 16 sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;  18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; 20 die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt. 21 Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

 

Liebe Gemeinde,

was für ein Meltingpoint, was für ein Big Appel war damals doch dieses Jerusalem gewesen.

Dicht an dicht standen die Menschen. Von weit her sind sie angereist und ein Sprachgewirr liegt über dem Vorplatz des Tempels und der ganzen Stadt.

Exotische Orte für unsere Ohren und exotische Menschen werden genannt. „Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom“. Bunt und vielfältig dürfen wir uns die Menschen und Pilger allemel vorstellen. Und das, ganz gleich, aus welchem Grunde sie angereist waren: aus Pflichtgefühl oder Freude, aus Not oder aus Dank. Alle waren da. Aufgeheizt und gewiss verschwitzt.

Liebe Gemeinde,

der Eindruck, den der Predigttext vermittelt, er wirkt wie aus einer anderen Zeit – und ist es natürlich auch.

Und doch trennen uns nicht nur 20 Jahrhunderte, sondern auch ein anderes Lebensgefühl. Der Big Appel unserer Tage, New York, der Meltingpoint schlechthin, ihm ist es nicht gut ergangen. Das Virus wütete und Menschenmassen sucht man dort und an anderen Orten aktuell vergebens. New York ist verwaist. Zum Glück, weil es dem Schutze dient – leider, weil es das andere Leben beschreibt. So wie die New York Times, die auf der Titelseite hunderte Namen niederschrieb – hunderte, die allein in New York an Corona verstoben sind. Was für eine andere Zeit!

Dazu die vielen exotischen Länder und Menschen im Predigttext: für uns ist jetzt eigentlich Urlaubssaison, der große Pfingsturlaub, aber verreisen, weit weg verreisen, das fällt in diesem Jahr aus. Wir als Familie, wir hatten etwa Griechenland geplant. Natürlich abgesagt.

Und noch etwas ist anders: wollte jemand, wie Petrus damals, heute viele Menschen auf einmal ansprechen, er müsste sich ganz auf das Internet verlassen – und hoffen, dass die Klicks die Seinen wären – oder sich auf eine dieser Demos begeben, die mir Bauchschmerzen verursachen..

Die globalisierte Römische Welt von damals im Predigttext, sie unterscheidet sich gerade sehr von unserer globalisierten Welt heute.

Und doch geht es genau um dieses Thema am heutigen Tag: Globalisierung! Und zwar die Globalisierung des Glaubens.

Denn das, was Pfingsten geschehen ist, das hat alle Welt, den ganzen Globus getroffen. Ein Glaube, der christliche Glaube, ist eigentlich in alle oder fast alle Ritzen der Welt gekrochen.

Und ein Geist, der Geist Gottes, hat alle Welt erfasst. Erfasst zum Guten – so war der Plan.

Denn darum sollte es schließlich gehen: die Welt zu verbinden miteinander. Verbinden unter dem christlichen Gedanken der Liebe, Versöhnung, Vergebung und Gnade. Auf dass einer für den anderen da ist und die Welt wieder von der Materie zur Schöpfung Gottes wird. Auf dass Lebendigkeit einkehre in alle.

Die Realität freilich war zunächst eine andere. Nicht zur Liebe, sondern zum Machtgewinn kam das Christentum in viele Teile der Welt; ich erinnere nur an Karl den Großen und seine Schwertmission.

Aber auch die globalisierte Welt von heute, die immer noch auf vielen Säulen des Christentums steht, sie ist sehr ambivalent.

Das Positive ist, dass jede*r theoretisch jede*n erreichen kann. Der Nachteil, dass jedes Problem – wie Corona – sofort ein Weltproblem ist. Die Welt ist abhängig geworden von allem und jedem.

Gerade in diese Situation hinein kommt nun der Predigttext. Und gerade in die Situation hinein kommt nun Pfingsten. Vielleicht verwirrende – aber gleichzeitig auch gut, denn ich glaube, Pfingsten kann nun ganz neu zu unser reden! Weil: Gerade jetzt brauchen wir vielleicht all das, was Pfingsten bedeutet:

  1. Es geht um alle Menschen

  2. Jede*r ist unmittelbar vor seinem Gott

  3. Das reine Evangelium muss neu verkündet werden

  4. Jedes Handeln hat immer mit der ganzen Welt zu tun

1. Alle Menschen

Es mag zunächst einmal sehr banal klingen, dass sich die Botschaft Gottes an alle Menschen richtet. Wenn wir ihn als Schöpfer der Welt bekennen, dann ist ein Bezug zu allen Kreaturen mehr als logisch.

Und doch war das nicht zu allen Zeiten evident, man muss nur an die Abstufung der Rassen denken, an Sklaven oder an die Rolle der Frauen in der langen Geschichte des Mittelalters bis in die Gegenwart. Und auch heute sieht man bisweilen, wie eine Abstufung gemacht wird. Immer mal wieder steht die Frage im Raum: „Warum sollten wir die Alten schützen, die sowieso bald sterben?“

Neben dieser sehr unerträglichen Frage gibt es aber auch andere Abwägungen: ist es zu rechtfertigen, dass die Kinder und Schüler*innen so lange warten müssen – die Wirtschaft aber wieder läuft? Und: Was ist mit den Frauen und Müttern, die zumeist die Hauptlast tragen? Wo bleibt die Gerechtigkeit?

In diesem Zusammenhang sollte man die Worte des Pfingstfestes noch einmal ganz neu und bewusst hören: Gottes Wort und Gottes Geist gilt allen Menschen. Eine Abstufung, ganz gleich wo, ist von Pfingsten her nicht vertretbar. Jede Entscheidung muss also so getroffen werden, dass möglichst alle mitbedacht werden; alle im Geiste sind.

2. Jede*r ist unmittelbar vor seinem Gott

Wir verstehen unseren Gott als einen, der eine Beziehung zu uns eingehen möchte, zu jedem Menschen. Seine Worte sind Gesprächsangebote. Und seine Ansprache an uns ruft uns zum DU und zum Personensein. Damit verbunden bekommt aber der einzelne Mensch eine hohe Bedeutung, aber auch eine große Verantwortung. Alles Tun und Handeln, Reden und Schweigen ist direkt vor Gott. Hinter einer größeren Gruppe sich zu verstecken, das gilt eigentlich nicht. Die Zurüstung für diese Verantwortung ist aber der Geist. Ausgegossen auf alle: Alte und Junge, Männer und Frauen, Freie und Unfreie. Ein Geist, der uns führt und begleitet. Der Geist, der uns direkt vor Gott führt.

3. Das Evangelium neu hören

Dieser Geist aber möchte auch, dass wir das Evangelium neu hören. Petrus sagt ja am Ende: „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden!“

Wenn diese Worte in ihrer positiven Weise gehört werden (und nicht gedroht wird: wer nicht hört, ist verdammt), wenn sie also positiv gehört werden, dann steckt darin alle Wahrheit und Tiefe dessen, was unseren Glauben ausmacht: Das wahre Leben kommt von Gott, ist erlöst durch Jesus Christus, und führt mit der Begleitung des Geistes in Gottes Reich.

Dazu gehört aber nun mal der deutliche Bezug zu Jesus Christus. Zu Gottes Gnadenwerk in ihm – und der Weg im Glauben. Einem Werk für alle!

Wo dies aber nicht gehört und gesagt wird, da muss Widerspruch möglich sein, bzw. ist zwingend geboten.

Und dies führt zur globalen Verantwortung:

4. Jedes Handeln hat immer mit der ganzen Welt zu tun

Politik ist schwierig, Politik besteht immer aus Abwägungen: sozial soll es sein, konservativ, liberal, wirtschaftliberal auch, dazu verantwortlich, nachhaltig, arbeitgeberfreundlich, arbeitnehmerfreundlich und natürlich für die Schwachen aber auch für das „Große Ganze“.

Zu intervenieren, es besser zu wissen oder gar zu machen, das ist eigentlich schwierig, weil alles so komplex ist. Und doch muss aus christlicher Perspektive immer gemahnt werden, was welche Entscheidung für wen bedeuten könnte. Und das gilt im Großen wie im Kleinen:

Schaut ein Mensch nur auf sich, dann hat es Auswirkungen auf seine Nächsten.

Schaut ein Land nur auf sich, dann hat es Konsequenzen für die anderen. Dasselbe gilt für einseitige Blicke auf die Wirtschaft oder die Familie oder das Soziale.

Gott aber hat sowohl den Nächsten, als auch die Welt im Blick. Und deswegen soll, sollte und muss jedes Handeln von Pfingsten her immer mitbedenken, dass ich für Gott genauso besonders bin, wie jede*r andere. Pfingsten heißt deswegen globale Verantwortung. Aber auch globale Liebe: Gottes Liebe in Jesus, vermittelt durch den Geist, gilt allen.

Was für ein wundervolles Wort. Mögen wir das nie vergessen. Mögen wir das feiern. Groß und bunt, wie damals im Jerusalemer Big Apple. Nur heute halt mit Abstand. Amen.

Ihr Pfr. Peter Söder