Lesegottesdienst für Sonntag Jubilate, 3.5.2020

Lesegottesdienst für Sonntag Jubilate, 3. So. nach Ostern; 3.5.2020

Liebe Gemeinde, ich grüße Sie und Euch alle ganz herzlich zu unserem (Lese-)Gottesdienst heute am Sonntag Jubilate.

Der Name des Sonntags kommt von Ps 66,1, in dem es heißt: „Jauchzt Gott, alle Lande!“ Und der Grund dafür liegt im Wochenspruch aus 2 Kor 5,17: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“. Und diese unsere Neuwerdung dürfen und mögen wir vor Gott feiern und uns freuen.

Und in der Tat können wir uns heute sogar ein wenig mehr freuen. Denn – mit aller Vorsicht – werden wir in der kommenden Woche wieder Gottesdienste in unseren Kirchen feiern können. Die Kirchenvorstände werden sich am Dienstag bzw. am Mittwoch beraten, wie wir mit den Vorgaben umgehen und wie wir sie so umsetzen, dass Gottesdienste wieder möglich sein werden. Wir werden darüber auf der Homepage (und ggfs. in der Zeitung) informieren. Bitte fragen Sie auch gerne nach! Wichtig wird aber sein, dass es eine Höchstzahl an Besuchern geben wird, dass die Emporen (in Oberreichenbach) gesperrt bleiben und dass wir zu jeder Zeit 2 Meter Abstand einhalten. Außerdem werden wir auf Gemeindegesang mehr oder weniger verzichten müssen. Aber: Wir können wieder gemeinsam vor Ort feiern.

Gleichwohl werden die Predigten auch weiterhin im Internet eingestellt werden. Denn wichtig wird es ohne Frage bleiben, weiterhin besonnen mit der besonderen Situation und allen Vorgaben umzugehen, um uns und andere weiter zu schützen.

Heute auf jeden Fall feiern wir noch einmal schriftlich. Und dazu erbitten wir den Segen unseres dreieinen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Singen oder lesen wir: „Jauchzt alle Lande Gott zur Ehre“, 279,1-2

 

Gebet

Dir, o Gott, jauchze alle Welt. Du hast uns geschaffen und du bist stets an unserer Seite, auch in dieser so anderen Zeit.

Vor dir stehen wir und bitten dich: führe uns in aller Sorge oder Not stets neu zum Loben und Preisen. Hilf uns, auf deine Liebe immer wieder zu sehen und dabei den anderen nicht zu vergessen.

Darum bitten wir dich in Jesu Namen. Amen.

 

Singen oder lesen wir: „Jauchzt alle Lande Gott zur Ehre“, 279,3-4
 

 

Predigt

Der Predigttext steht im Johannesevangelium im 15. Kapitel, die Verse 1-8:

Der wahre Weinstock

15 1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Gott segne unser Nachdenken. Amen.

 

Liebe Gemeinde, ich habe leider ein grausames Namensgedächtnis, auch Gesichter kann ich mir bisweilen schlecht merken. Was ich hingegen gut beherrsche, das ist der Umgang mit Zahlen und mit Orten, an denen sich besonderes ereignet hat. Beim richtigen Impuls tauchen solche Orte schnell vor meinem inneren Auge auf. So auch heute, denn ich sehe mich angesichts des Predigttextes urplötzlich im Alter von rund 20 Jahren in Würzburg in der Fußgängerzone am Dominikanerplatz stehen, mitten im Gewimmel und Gewühl der Menschen um mich herum. Ich stehe dort und unterhalte mich mit einer Freundin aus der Schulzeit. Ihr Name ist mir aber gerade entfallen …

Diese Szene in meinem Kopf wirkt aktuell wie aus einer ganz anderen Zeit. Nicht nur, weil es mehr als 20 Jahre her ist, sondern auch, weil ein Gewimmel und Gewühl auch in Würzburg natürlich derzeit nicht vorherrscht – und falls doch, dann wäre es verboten. Es gilt ja weiterhin: Abstand halten!

Nicht vergangen oder aus der Zeit gefallen ist aber der Inhalt des damaligen Gesprächs. Und nicht vergangen ist die Fragestellung von damals, denn sie trifft uns auch heute.

Vor rund 20 Jahren ging es nämlich genau um diese Worte aus Johannes 15. Und um die Frage, was mit denen sei, die nicht zu Jesus gehören (V. 6: Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt). Für meine Schulfreundin war diese Aussage eine von vielen, weswegen sie mit dem Glauben an Jesus Christus nichts zu tun haben wollte. Und sie konfrontierte mich, den Kirchgänger, damit.

Was ich damals sagte, das weiß ich heute aber leider nicht mehr. Wusste ich eine Antwort? Konnte ich ihrer Frage standhalten? Damals im Würzburger Gewimmel…

Da aber nicht auszuschließen ist, dass auch heute – ohne Gewimmel – Menschen dieselbe Frage im Herzen tragen (die Frage, warum Jesus so hart urteilte, warum manche Menschen „weggeworfen werden, um zu verdorren“), deswegen mag ich nun meine Sicht nachholen.

Antwort 1: Die Adressaten sind die Jünger

Wenn wir uns mit den Worten, den harten Worten Jesu, auseinander setzen, dann mag ich zunächst einen Blick auf die Adressaten werfen. Da wir uns ab Kapitel 13 des Johannesevangeliums bei den „Abschiedsreden Jesu“ befinden, sind im Kreis der Hörer nur die engsten Jünger Jesu.

An sie, die Jünger, richtet sich Jesus also. An die, die schon immer für ihn brannten und das auch weiterhin tun werden. Und das gilt trotz Petrus Verleugnung, denn er wurde später ein großer und wichtiger Repräsentant des Glaubens. Und es gilt auch trotz Judas, der Jesus verriet. Denn Judas bereute diesen Schritt später bitterlich.

Mit anderen Worten: Jesus redet hier nicht über „die Welt da draußen“, wie die Schulfreundin es verstand. Er spricht auch nicht von Menschen, die keinen Kontakt zum Glauben oder zu Gott hätten. Nein, sondern Jesus spricht zu denen, die schon ergriffen sind, zu denen, die schon Frucht bringen und die ihre Kraft aus Gott, aus dem Glauben und aus dem Gebet nehmen: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“ (V. 3).

Diese ermahnt Jesus. Vielleicht mit drastischen Worten, aber doch aus Liebe. Und ich selber weiß, wie richtig aus meiner Biographie seine Mahnung ist, denn Zeiten ohne Gebet und die Bibel, es waren immer Dürrezeiten. Lebendig hingegen fühlte ich mich immer, mit dem Glauben; immer, wenn ich im Gebet mit Gott verbunden war.

Antwort 2: Das Positive betrachten

Und deswegen mag ich auch die positiven Worte Jesu hervorheben: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“ (V. 5). Der Wunsch und die Hoffnung Jesu ist ja, dass die Jünger genau dieses Positive sehen. Dass die Verbindung im Glauben so viel Kraft und Lebendigkeit schenkt; dass es eben dann nicht zu Dürrezeiten kommt, sondern dass wir stets neu bestärkt und ertüchtigt werden.

Und gerade in dieser so unwirklichen Zeit höre ich oft, wie viel Kraft und Zuversicht der Glaube auch anderen tatsächlich gibt. Und das auch deswegen, weil wir uns als Gläubige immer auch untereinander verbunden wissen. Eine Rebe ist nie alleine im Weinberg. Sie wächst und gedeiht mit viel innerer Energie. Und sie bringt – selbst ohne Pflege – ständig Neues hervor. Wo sie aber gepflegt wird, da sind wahre Schätze zu sehen und zu ernten. Rebe um Rebe…

Und diese Pflege sagt Jesus uns im Bildwort auch zu. Wenn er Gott als den Weingärtner bezeichnet, dann meint das ja genau dieses Gepflegt- und Umsorgt-Werden. Wie wir das aber erleben, darauf möchte ich mit Antwort 3 noch eingehen:

Antwort 3: Die Rede Jesu vom Kreuz her noch einmal neu lesen und aufnehmen

Jesu Abschiedsrede war eine Rede vor seinem Tod und der Auferstehung. Natürlich war das Ende des irdischen Weges schon in Sicht. Aber Golgatha und der Ostermorgen standen noch aus. „Wie will Gott uns stärken?“, diese Frage mochte die Jünger vielleicht schon angesichts von Jesu Abschied bewegen. Unter dem Kreuz von Golgatha war diese Frage aber gewiss übermächtig. Alles schien verloren. Der Weingärtner hatte scheinbar verloren.

Dann aber kam der Ostersonntag, dann kam der große Sieg über den Schmerz und den Tod. Ja, es kam ganz neu das Leben und die Lebendigkeit.

Und damit kam auch ein neuer Blickwinkel. Denn ab sofort herrschte die Gnade vor, die Gnade Gottes. Denn Jesu Tod und Auferstehung war auch ein Sieg über den Unglauben in der Welt, über Neid und Missgunst, über Unterdrückung und Zwang. In Jesus ist Gott für alle eingetreten am Kreuz. Und in Jesus hat Gott der ganzen Welt seine Liebe offenbart.

Ja, durch das Kreuz haben die harten Worte eine ganz neue, eine liebevolle Wendung erhalten. Eine Wende zur Frucht der Lebendigkeit.


Der Impuls für unser Leben

Und diese Lebendigkeit, diese zuversichtliche Grundstimmung, die wünsche ich uns allen auch weiterhin. Auch in einer so anderen Zeit. Ich wünsche uns, dass der Glaube uns trägt und dass der Glaube auch stets den anderen sieht. Den anderen zu sehen heißt für mich aber auch, nicht zu ungeduldig zu sein; sondern vielmehr Schritte mit Bedacht gehen und dankbar zu bleiben, dass wir so behütet bisher die Krise durchlebt haben.

Vielleicht finden wir gerade auch jetzt neu zu Formen der Spiritualität. Mein Gang morgens und abends in die Kirche zum Öffnen und Schließen, das Entzünden und Löschen der Osterkerze stets aufs Neue und dieser so wunderbare jahrhundertealte Raum, in dem wir Gott so gerne begegnen – das alles hat mich ganz berührt, bewegt und gestärkt; den Glauben auf neue Art belebt. Vielleicht geht es Ihnen und Euch ähnlich, vielleicht können wir diese Erfahrungen auch miteinander teilen. (gerne per Mail an peter.soeder@elkb.de)

Halten wir auf jeden Fall fest: Jesus sagt uns zu, dass Gott uns stets neue Kraft gibt. Erbitten wir diese auch immer wieder neu. Und lassen wir uns von dieser so positiven Seite bewegen. Auch in allen Gesprächen, die wir führen, auf welche Art und Weise auch immer.

Gespräche… Der Name der Schulfreundin ist mir jetzt wieder eingefallen. Nun fehlt mir nur noch das Gesicht zum Namen. Aber vielleicht treffe ich sie ja nochmal irgendwann, wenn es wieder Gewimmel gibt in den Innenstädten. Ich hoffe aber, dass dieses Gewimmel nicht zu früh sein wird. Mag Gott und die Frucht des Glaubens uns und den Regierenden helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Amen.

Singen oder lesen wir: „Jauchzt alle Lande Gott zur Ehre“, 279,7-8

 

Gebet

Herr, unser Gott, wir bitten dich: stärke in uns stets neu den Glauben. Lass die Frucht des Glaubens uns gute Wege gehen und stets die Nächsten im Blick behalten.

Gib in allen Diskussionen den Regierenden die nötige Weisheit und hilf uns, die Geduld nicht zu verlieren.

Danke, dass du bei uns bist und uns begleitest. Steh uns und deiner Welt weiter bei. Du, der Schöpfer und Erhalter in Ewigkeit. Amen.

 

Vaterunser

 

Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und ewige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 

Allen einen gesegneten Sonntag!

Peter Söder