Lesegottesdienst für Sonntag, 26.4.2020

Lesegottesdienst für Sonntag Miserikordias Domini, dem 2. Sonntag nach Ostern, 26.4.2020

Liebe Gemeinde, ich grüße alle ganz herzlich zu unserem Lesegottesdienst heute am Sonntag Miserikordias Domini. Auch heute versammeln wir uns wieder räumlich getrennt voneinander und doch vereint. Vereint im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Es ist möglich, dass dies heute einer der letzten Gottesdienste sein wird, den wir nicht in unseren Kirchen feiern können. Konkrete Aussagen gibt es noch nicht, aber eine Wiederaufnahme der Gottesdienstfeiern in den Kirchen mit Hygienekonzept und aller gebotener Vorsicht ist wohl in greifbarer Nähe.

Ich bin aber froh und dankbar, dass wir bisher so gut durch die Zeit gekommen sind. Von vielen Gesprächen, Telefonaten und mehr weiß ich (oder meine ich zu wissen), dass es den meisten recht gut geht. Bei wem das nicht der Fall ist, den möchte ich auch heute noch einmal auf die Telefonseelsorge aufmerksam machen. Bitte melden Sie sich, wenn Sie reden möchten!

Außerdem bin ich dankbar, wie diszipliniert wir als Gemeinden und als Bürger*innen vor Ort uns verhalten. Dafür möchte auch ich „Danke!“ sagen. Ab morgen wird sich das Leben wieder ein bisschen „normalisieren“, ein kleines Bisschen. Dabei hoffe ich aber sehr, dass auch weiterhin Vorsicht und Besonnenheit vorherrschen.

Beginnen wir den heutigen Gottesdienst mit dem Wochenspruch aus Johannes 10: „Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und folgen mir nach; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“

Uns allen einen gesegneten Gottesdienst. Amen.

Singen oder lesen wir zu Beginn: 165,1-2.8: „Gott ist gegenwärtig“

Gebet

Herr, unser Gott, du hast diese Welt geschaffen und du begleitest uns jeden Tag neu. Du, der gute Hirte, der uns kennt und niemals von uns lässt.

Gib uns weiter Kraft in dieser unwirklichen Zeit. Lass uns deine Gegenwart spüren und stärke uns. Dir, dem Schöpfer der Welt und unserem Hirten, sei Lob und Dank. Amen.

Predigt

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag stammt aus dem 1. Petrusbrief. Ein Autor, der sich Petrus nennt, schreibt an eine (oder viele) Gemeinden in Not. Die Gemeinden befinden sich in der Defensive, sie werden bedrängt oder zumindest sehr kritisch beäugt. Das Thema des Briefes ist zum einen die „Fremdlingschaft in der Welt“ und zum anderen die „Heiligung des Lebens“.

Auch unser heutiger Abschnitt, 1. Petr 2,21-25, lässt beides erkennen. Dass er dabei an die Sklaven eines Hauses adressiert ist, das mag verwundern. Gleichwohl gilt, dass Sklaverei damals etwas ganz „Normales“ noch gewesen ist und dass die Inhalte, die Apelle, natürlich auch zu uns und unserem Leben passen, wie wir gleich merken werden. So lesen wir den Predigttext: 1 Petr 2,21-25:

21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Gott segne unser Reden und Hören, Schreiben und Lesen. Amen.

Liebe Gemeinde, das, was der Autor (der sich die Autorität des Namens Petrus borgte) damals empfand, das ist für uns heute gar nicht so weit weg. Er schreibt von einer „Fremdlingschaft in der Welt“. Damals galt dies, weil die ersten Christ*innen in der Defensive und zum Teil verfolgt gewesen sind und daher ein Fremdkörper in der Welt darstellten. Heute hingegen haben wir alle das Gefühl, etwas fremd in einer Welt zu sein, die wir eigentlich meinten, zu kennen. Denn auch, wenn sich morgen das Leben etwas mehr bewegen wird, so bleibt es merkwürdig still, verlangsamt und eingebremst – mit anderen Worten: fremd.

In diese Fremdheit hinein aber schreibt der Autor: „heiligt euch“ bzw. „handelt wie gute Vorbilder“. Er meint damit natürlich: „Seid ein Vorbild im Glauben und ein Vorbild für den Glauben an Christus.“ Ja, er möchte, dass die Menschen in einer schweren Situation ihren Glauben nicht vergessen, sondern vielmehr so untadelig leben, dass dieser Glaube eine große Anziehungskraft besitzt.

Dass er dabei Christus als Vorbild vor Augen malt, das ist nicht immer einfach. Jesus, als Gottes Sohn, hatte gewiss andere Möglichkeiten, als wir. Und doch bekennen wir ihn auch als wahren Menschen, also als jemand, der sich ganz den menschlichen Bedingungen hingegeben hatte. Was aber zeichnete ihn aus? Und was davon benennt der Autor des Petrusbriefes? Er schreibt:

1. Schmäht nicht, wenn ihr geschmäht werdet

2. Führt keinen Betrug in eurem Munde

3. Bleibt sündlos         

Der letzte Punkt (sündlos bleiben) ist dabei für uns unmöglich. Wir sind und bleiben Sünder, allezeit. Diese Erkenntnis, die zwar manchmal hart zu lesen oder zu hören ist (das weiß ich), gehört aber fest zu unserem Bekenntnis. Und sie gehört auch zu unserer Erfahrungswelt. Wir alle wissen, dass wir immer wieder scheitern an der Liebe, am Vertrauen und an der selbstlosen Fürsorge für andere.

Warum scheitern wir immer wieder daran? Weil wir Menschen sind und bleiben! Dennoch formuliert der Autor diese Erwartung. Aber er schreibt es, weil wir „der Sünde abgestorben [sind]“ (V. 24), weil Christus uns aus der Macht der Sünde befreit hat. Damit meint er (vielleicht), dass wir durch das Wissen um die Versöhnung nicht mehr „sündigen müssen“. Mit anderen Worten: wir müssen nicht mehr ein egoistisches Leben führen, da wir allezeit in Gottes Hand sind und bleiben werden.

Dieser Gedankengang ist aber sehr abstrakt und oftmals schwer nachvollziehbar. So, wie aktuell vieles, was im Fernsehen oder Internet zur Krise gesagt oder entschieden wird, schwer nachvollziehbar für viele Menschen ist und bleibt. Einfacher ist es dagegen immer, wenn es konkret wird. Und dazu helfen uns heute die Punkte 1 und 2. Zwei Punkte, die ähnlich der Zehn Gebote uns einen Rahmen geben, an dem wir uns immer wieder prüfen mögen. Gleich einem „Stecken und Stab“, an dem der gute Hirte uns schützend begleitet. (vgl. Psalm 23 und V. 25 aus dem Predigttext).

Nicht schmähen, wenn man geschmäht wird

In der Zeit vor der Krise hat man es, wie ich finde, alltäglich erlebt. Irgendwie konnte es keine*r keinem rechtmachen. Alles wurde immerzu kritisiert. Hat sich jemand exponiert (selbst mit besten Absichten), dann wurde er oder sie im nächsten Moment „zurechtgestutzt“. Und der Gegenangriff blieb selten aus. Im privaten Umfeld mag das natürlich anders aussehen, doch auch hier kenne ich genügend Beispiele. Ein böses oder nur kritisches Wort wurde schnell gekontert. Sprichwörtlich gab ein Wort oft das andere.

Zu Beginn der Krise herrscht dann eine Zeit lang erstaunliche Einigkeit, wie es mir erschien. Doch mittlerweile driftet vieles wieder auseinander. Öffnen oder weiter geschlossen lassen? Zeitplan erstellen oder schauen, was kommt? Schutz und weiter Probleme für die Wirtschaft oder Risiko und finanzielle Aussichten? Letztlich weiß keine*r, was das Richtige ist. Deswegen wird auch wieder vermehrt gestritten. Wo es aber über den notwendigen Streit um Argumente hinausgeht und die Menschen wieder anfangen, persönlich zu werden, da sind Schmähungen nie fern.

Und genau hier ermahnt uns der Autor, dass wir Christ*innen dieses Spiel nicht mitmachen sollen. Dass wir darauf vertrauen, dass Gott auf unserer Seite steht. Vielleicht würde dabei helfen, den Anfang von Psalm 139 auswendig zu lernen, um ihn sich innerlich aufzusagen, ehe man zur Antwort ansetzt, ehe man „zurückschießt“. Der Anfang von Psalm 103 (Vers 1 und 2) lautet:

Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!

Dies fünf bis zehn Sekunden und die Erinnerung an Gottes Wohltat mag uns vielleicht dazu führen, friedlich und höflich zu bleiben.

Keinen Betrug im Munde führen

Ich bin überzeugt, dass es kleine Lügen, Notlügen oder Schwindeleien zu aller Zeit gegeben hat und immer geben wird. Das mag oder muss man wohl hinnehmen, weil keiner davor gefeit ist. Und doch gibt es seit langer Zeit ein Phänomen, das all dies ad absurdum führt. Bekannt als „fake news“ (also als bewusst falsche Nachrichten) setzen Personen oder Gruppen (bis hin zu höchsten Entscheidungsträgern) alles daran, ihre Interessen durchzusetzen mit solchen verdrehten „Informationen“.

Es ist ein Lügen, um einen Vorteil zu haben. Ein bewusstes Austricksen, um Gewinn zu erzielen. Ein schielen nach Ruhm, in dem alle und jede*r diffamiert wird. Die aktuelle Krise kennt das Phänomen leider auch zu gut.

Wie geht man damit um? Wie kann man daraus ausbrechen? Vielleicht hilft hier ein Blick in die Bergpredigt (Mt 5-7). Im Abschnitt vom Schwören sagte Jesus einmal:

34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; 35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. 36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. 37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.

„Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.“ So sagt es Jesus da. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass man zu allem nur „Ja und Amen“ sagen sollte. Damit ist auch nicht gemeint, dass es keinen Streit um Inhalte geben dürfte. Und damit ist auch nicht gemeint, dass man sich seiner Meinung enthalten müsste.

Was aber Jesus sagt – und was der Autor des Petrusbriefes aufgreift – das ist eine klare innere Haltung.

Als Kind fiel mir das besonders schwer. Ich wollte zwar immer bei der Wahrheit bleiben, aber ich hatte stark den Drang, alles etwas auszuschmücken. Ein paar Beispiele:

Aus einem Auto, das 10 Meter vor mir bremste, wurde in meinen Berichten eine Vollbremsung, die beinahe tödlich endete…

Ein Streit mit einem Freund wurde leicht zur Massenschlägerei ausgeweitet…

Eine Abfrage wurde in der Erzählung von mir zu einem sehr dramatisch-epischen Moment…

Irgendwie konnte ich nicht anders. Im Blick darauf wäre der Ratschlag „Ja, ja“ oder „Nein, nein“ sehr hilfreich gewesen. „Wurdest du heute in Geschichte abgefragt?“ – „Ja, ich wusste einiges, ich bekam eine Zwei“. Eigentlich hätte dies gereicht.

Aber immer wollte ich mich etwas interessanter machen, zum Held oder zum Opfer. Übertreibungen taten mir irgendwie gut. Im Blick auf Christus, im Blick auf Gott ist dies aber nicht nötig. Denn: Gott weiß um alles. Er kennt meine Abgründe, er kennt meine Stärken. Und auch hier hilft der Verweis auf Psalm 103 noch einmal: Vers 3-6a:

der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler. Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht

Ja, Gott weiß um die Sünde, die Gebrechen und das Verderben – er weiß aber auch um die Fröhlichkeit und er selbst kennt Gerechtigkeit und eben die Wahrheit. Da aber Gott um uns weiß, deswegen müssen wir uns weder größer noch kleiner machen, als wir sind. Um Gottes Willen können wir bei der Wahrheit bleiben. Und das umso mehr, da alles irgendwann herauskommt. Die Wahrheit uns aber als authentische Christ*innen auszeichnet. Und darum schließlich geht es dem Autor: „seid wahrhaftig, damit die Menschen sehen, welchen Glauben ihr habt!“

Gute Gedanken für die Gegenwart

Ja, ich finde in der Tat, dass beides in unseren verrückten Tagen uns sehr helfen kann: das Nicht-Schmähen und die Wahrheit. Ich wünsche es mir von allen, die Verantwortung haben. Aber ich wünsche es mir auch für mich und uns alle. Denn so bleibt eine Gemeinschaft verbunden. So kann der nächste Schritt gelingen. Und so verspielt keine*r das Vertrauen, das in eine*n gesetzt ist. Und wir selbst geben damit auch Gott die Ehre. Amen.

Singen oder lesen wir das Lied: 295,1-4: „Wohl denen, die da wandeln“

Gebet   Herr, unser Gott, wir bitten dich, führe du uns weiter auf unserem Wege. Schenke uns Geduld und Besonnenheit, Weisheit und Kraft. Wir bitten dich, lass uns in unserem Leben ein gutes Beispiel dafür sein, aus deiner Liebe und Gnade zu leben. Hilf uns, dem Nächsten beizustehen und selber gütig zu handeln. In Wahrheit und ohne böse Worte.

Für unsere Welt bitten wir dich: schenke den Politikern und allen Entscheidungsträgern, den Forschern und Ärzten, den Wissenschaftlern und Bedenkenträgern stets neu den Geist der Weisheit. Hilft ihnen, nach bestem Wissen und Gewissen und nach bester Abwägung aller Gründe die richtigen Entscheidungen zu treffen. So vertrauen wir dir und bitten dich um deinen Segen. Amen.

Beten wir das Vaterunser

Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und schenke euch Frieden. Amen

Uns allen einen frohen Sonntag und eine neue gesegnete Woche. Ihr Pfarrer Peter Söder