Lesegottesdienst für Karfreitag, 10.4.2020

Lesegottesdienst für Karfreitag, 10.4.2020

 

Begrüßung

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, ich grüße sie und euch alle ganz herzlich zu unserem Gottesdienst heute, am Karfreitag. Und ich grüße alle genau dort, wo sie gerade sind.

Die Kara, die Trauer, steht heute auf der einen Seite im Mittelpunkt dieses Tages. Trauer darüber, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Für die Jünger war es das Ende ihres Weges und der Niedergang gewesen. Kaum einer von ihnen fand den Mut, in Jesu Todesstunde ihm nahe zu sein. Voll Angst, Schrecken und voll Trauer waren sie geflüchtet.

Für uns heute ist es aber neben der Trauer auch ein Tag der Hoffnung und der Zuversicht – ja sogar ein Tag der Freude. Denn wir wissen, dass das Kreuz nicht das Ende des Weges Jesu war. Sein Weg ging weiter – und geht bis heute weiter.

Daher lautet der Spruch für den heutigen Tage aus Joh 3, 16 auch:

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.

 

Tagesgebet

Ewiger Gott, du gibst deinen Sohn hin in die Not der Welt, in die Ratlosigkeit der Gläubigen, in die harten Hände derer, die sich für gerecht halten: Öffne unsere Herzen für die Tat seiner Liebe, damit wir uns von ihr tragen lassen und im Leben und im Sterben an dir festhalten.

Das bitten wir dich durch ihn, unsern Heiland und Erlöser, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Lesung aus 2. Kor 5, 14-21

Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. 15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht.

 

Sprechen wir das Glaubensbekenntnis

Singen oder lesen wir Lied 85,1.2.4.9 (O Haupt voll Blut und Wunden)

 

Predigt

Lesen wir als Predigttext aus dem Johannesevangelium im 19. Kapitel die Verse 16-30

Sie nahmen ihn aber 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.

 

Liebe Gemeinde, die Worte des Evangelisten Johannes sind uns allen wohl vertraut. Die ganze Szene, die beschrieben wird, steht uns ebenfalls deutlich vor Augen. Unzählige Kunstwerke kennen wir, ungezählte Bilder und Skulpturen. Mal kleiner, wie auf dem Altar in Oberreichenbach. Mal ganz groß, wie die Kreuzigungsgruppe in der Klosterkirche in Münchaurach. Ja, wir kennen diese Szene. Dazu ist das Kreuz uns Christ*innen sogar zu einem festen Symbol, zu einem Erkennungszeichen, aber auch zum Ausdruck unserer Hoffnung geworden.

Und doch kann es sein, dass wir in diesem so besonderen Jahr die Worte und Texte anders lesen, dass sie ganz neu zu uns sprechen. Denn am Karfreitag 2020 stehen uns vielleicht die unzähligen Särge vor Augen, die von Militärkonvois aus italienischen Städten gefahren wurden. Und wenn wir heute von Jesu schmerzvollem Tod lesen, dann sehen wir vielleicht in Gedanken Menschen in Krankenbetten liegen, die in Atemnot gegen diesen Tod ankämpfen. Ja, der heutige Tag kann all die Not sogar verstärken, die wir im Fernsehen oder gar im eigenen Umfeld miterleben. Und trotzdem ist und bleibt Karfreitag immer auch ein Tag, der gegen den Tod protestiert. Ja sogar ein Tag, der diesem Tod Hoffnung und Zuversicht entgegenhalten will. Im Ablauf des Johannestextes kommt diese Hoffnung in den letzten Worten Jesu zum Vorschein: „Es ist vollbracht!“.

 

Auch dieser Tage erklingen diese Worte vielleicht. „Es ist vollbracht“, „er hat es geschafft“, „sie durfte gehen“. Wenn jemand das heute sagt, dann meint er oder sie damit, dass ein Mensch letztlich in Frieden aus der Welt scheiden durfte, vielleicht nach einer schweren Krankheit, vielleicht am Ende eines langen Weges, der seinen Abschluss gefunden hat.

Für Johannes und für Jesus sind diese Worte aber anders gemeint. „Es ist vollbracht“, das heißt: „Der Auftrag Jesu ist erfüllt“. Erfüllt, wenngleich der letzte Höhepunkt, die Auferstehung noch aussteht.

 

Wer dem Christentum distanziert gegenübersteht, der hat das allerdings schon immer kritisiert. Fragen werden gestellt: „Warum braucht Gott ein Opfer?“, „Warum muss erst Blut fließen, bis Gott eingreift?“ oder ganz ablehnend: „Jesus ist gescheitert – und ihr deutet seinen Tod in einen Sieg um. Alles nur Erfindung!“ Liebe Gemeinde, ich gebe zu, dass es nicht immer einfach ist, das Geschehen von Golgatha anzunehmen. Und gewiss gibt es auch unter den Christ*innen immer viele, die mit genau diesem Tag ringen. Und deswegen möchte ich meine Hoffnung in ganz einfachen Worten versuchen auszudrücken.

 

1. Warum brauchte es den Tod?

Jesus ist den Weg ans Kreuz gegangen, weil er damit für uns etwas erlitten hat, was uns nicht mehr widerfahren soll. Jesus hat sich nämlich in die äußerste Gottesferne begeben. Nirgends war Gott in den Vorstellungen weiter weg, als im Tod. Im Tod, der das Ende der Verbindung von Gott und Mensch dargestellt hatte. Nicht umsonst betete daher auch Jesus den Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und in der Tat schien es so, als wäre genau das am Kreuz passiert. Durch das Wissen um die folgende Auferstehung ist aber deutlich geworden, dass Gott sich nicht abgewendet hat, dass er immer gegenwärtig geblieben ist. Wir heute müssen daher nicht mehr fürchten, jemals von Gott getrennt zu sein. Auch im Tod weicht Gott uns nicht von der Seite!

 

2. Warum gab es keinen anderen Weg?

Jesus war wahrer Gott, aber auch wahrer Mensch, so bekennen wir es. Als wahrer Gott hat er Gottes Liebe verkündet, als wahrer Mensch lebte er aber wie wir. Verletzlich, gefährdet, ausgeliefert. Zum Leben eines Menschen gehört aber der Tod. Ja, dieser Tod ist und bleibt unsere Realität am Ende des Weges. Und Jesus ist diesen Weg bis an eben dieses Ende gegangen. Er hat sich nicht „herausgezaubert“ und es war auch kein „Scheintod“.

Dadurch aber dürfen wir wissen, dass Gott um unser aller Leben weiß. Um alle Sorgen und Nöte. Um allen Schmerz. Aber auch um alle Verzweiflung und Todesqualen. Ja, Gott weiß im Leiden seines Sohnes, was es heißt, Mensch zu sein. Und ich finde, dass das gerade in den heutigen Tagen uns sehr trösten und bestärken kann.

 

3. Was genau ist der Trost von Karfreitag in unseren Krisenzeiten

Durch das Geschehen von Golgatha hat Gott zum einen deutlich gemacht, dass er die Welt in Liebe umarmt. Alles, was auf Erden Schlimmes geschieht, ist daher niemals eine Strafe Gottes. Vielleicht ist es wichtig, sich das in der Krise vor Augen zu halten.

Statt uns zu strafen, möchte Gott uns vielmehr zusammen führen und in Verantwortung füreinander bringen. „Siehe, das ist dein Sohn“, „siehe, das ist deine Mutter“. Diese beiden Sätze, die Jesus vom Kreuz sprach, verdeutlichen, dass wir gerade in Zeiten der Trauer uns umeinander kümmern sollen und gemeinsam das Gute suchen mögen. (In guten Zeiten sollte das natürlich nicht enden..)

Und zum Schluss zeigt uns Karfreitag noch etwas sehr deutlich, nämlich: es geht immer weiter! Keiner, der unter dem Kreuze stand, hätte jemals gedacht, dass es ein „Morgen“ geben würde. Aber es gab ein „Morgen“, es gab ein „Danach“. So, wie Gottes Liebe nicht am Tod endet, so endet auch die Welt nicht in dieser Krise. Umso mehr aber mögen wir heute uns so unterstützen und zusammenstehen, dass alle diese Zeit überstehen, um danach neu ins Leben gehen zu können. In ein Leben ohne Furcht und Not, weil Jesus diese überwunden hat.

 

Aus all diesen Gründen ist das Kreuz – eigentlich ein Zeichen des Todes Jesu – uns so sehr zum Zeichen und Symbol der Hoffnung geworden. Und das gilt trotz oder gerade in der aktuellen Situation umso mehr! Mag Gott uns darin bestärken, allezeit. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Singen oder lesen wir Lied 96,1.3.5.6 (Du schöner Lebensbaum des Paradieses)

 

Herr, unser Gott, du hast in deinem Sohn das Leid der Welt überwunden. Seine Hingabe in den Tod bedeutet für uns das Leben. Hilf uns, dass wir das für uns annehmen können.

Bewahre und erhalte du deine Schöpfung. Gib Kraft allen, die sich für andere einsetzen – manchmal über alle Grenzen der Erschöpfung hinweg. Schenke den Verantwortlichen Weisheit und Klugheit. Und schenke uns, die Krise in Liebe und Mitmenschlichkeit zu überwinden. Lass uns neu zur Liebe finden und allen deine Liebe weitergeben. Amen.                Sprechen wir das Vaterunser

 

Es segne uns und unsere Lieben, es segne unser Land und diese Erde der barmherzige Gott; der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.                                                                    Peter Söder